Es klingt harmlos: Ein Großkunde bittet seinen Lieferanten, die eigenen Stammdaten in ein digitales Portal einzupflegen. Name, Adresse, IBAN, Steuernummer, alles schon vorhanden, nur eben in einem neuen System, in einer neuen Maske, nach einem neuen Prozess. Was dabei oft übersehen wird: Für das rechtlich wirksame Zustandekommen eines Vertrages in der EU sind gar nicht so viele Daten notwendig. Die wesentlichen Informationen stehen auf dem Angebot, auf der Website, auf der Rechnung. Wer darüber hinaus mehr Daten erheben möchte, hat bisher die Kosten dafür selbst getragen, in der eigenen Buchhaltung oder Einkaufsabteilung.
Ein schleichender Trend und die vergessene Bürokratie
Immer häufiger wird dieser Aufwand jedoch über digitale Lieferantenportale und formale Gatekeeper an die Lieferanten weitergereicht. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen spüren das: Was für einen Konzern ein Knopfdruck im System ist, bedeutet für ein KMU eine Stunde Büroarbeit, multipliziert mit der Anzahl der Kunden, die diesen Prozess einführen.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) warnt ausdrücklich vor dieser Praxis: Immer häufiger erhalten kleine Zulieferer von ihren industriellen Auftraggebern umfangreiche Fragebögen und Verhaltenskodizes, unabhängig davon, ob eine gesetzliche Pflicht dazu besteht oder nicht. Das ifo Institut bestätigt, dass die Bürokratiebelastung umso gravierender ist, je kleiner das Unternehmen ausfällt.
In der politischen Debatte wird viel über den Bürokratieabbau in staatlichen Verwaltungen gesprochen, und das zu Recht. Die Bundesregierung hat mit dem Vierten Bürokratieentlastungsgesetz (BEG IV, seit Januar 2025 in Kraft) eine jährliche Entlastung der Wirtschaft von 944 Millionen Euro angestrebt. Der neue Koalitionsvertrag 2025 setzt noch ambitioniertere Ziele: eine Reduktion der Bürokratiekosten für die Wirtschaft um 25 Prozent, rund 16 Milliarden Euro. Handwerksverbände kommentieren solche Schritte regelmäßig als richtige Richtung, aber nicht weit genug.
Doch für viele KMU ist der Verwaltungsaufwand, der durch große Unternehmen entsteht, mindestens ebenso erdrückend. Lieferantenportale, Selbstauskünfte, Verhaltenskodizes, jährliche Rezertifizierungen: Diese „private Bürokratie“ taucht in keiner Regierungsstatistik auf, bindet aber reale Arbeitszeit und echtes Geld. Laut einer KfW-Studie verwenden Beschäftigte in mittelständischen Unternehmen im Durchschnitt bereits rund 7 Prozent ihrer Arbeitszeit für bürokratische Prozesse. Wer ernsthaft über Entlastung für den Mittelstand reden möchte, sollte auch hier hinschauen.
Asymmetrie und Depersonalisierung
Hinzu kommt, dass Einkaufsabteilungen mit dem Zwang zur Lieferantenregistrierung oftmals noch mehr Daten abfragen, als man in einem normalen Geschäftsverhältnis offenbaren würde. Es wird nach Kundengruppen oder Vertriebsländern, Mitarbeitendenanzahl, Umsätzen und Nachfolgeregelungen gefragt. Eigene Berichtspflichten zur Kinderarbeit, Lieferkettenanalysen oder Konfliktmineralien werden eng formalisiert und auf die Lieferanten ausgeweitet, egal ob diese jeweils zutreffen oder nicht.
Kaum versteckt werden in einigen der Portale eigene Interessen gegenüber den Lieferanten formuliert und durchgesetzt. Die Anerkennung von Einkaufsbedingungen, Zahlungsmodalitäten, eigenen Prozessen und Formalitäten wird eingefordert, da sonst die Registrierung als Lieferant nicht abgeschlossen werden kann. Die zusätzlichen Kosten, diese mitunter den eigenen Lieferbedingungen entgegenstehenden Regelungen rechtlich zu prüfen, die Konsequenzen abzuwälzen und in der eigenen Organisation aufzulösen, sind nicht unerheblich.
Die Sturheit dieser Online-Formulare lässt keine gesunden, langfristigen und vertrauensvollen Lieferantenbeziehungen wachsen. Die Asymmetrie der daraus entstehenden Beziehung macht Lieferanten zu Automaten und Kunden zu Despoten statt zum geschätzten König. Wie sehr freuen wir uns wohl schon darauf, wenn wir mehr Kunden gewinnen können, die uns noch persönlich anrufen, in den Austausch zu unseren gegenseitigen Bedürfnissen gehen sowie offen und besprechbarkommunizieren?
Was fair wäre: Das Gemeinwohl-Prinzip
Wer Daten sammeln möchte, die über das vertraglich Notwendige hinausgehen, sollte die Kosten dafür selbst tragen oder zumindest offen kommunizieren, dass er sie auf den Lieferanten verlagert. Denn das ist es, was hier passiert: eine stille Verschiebung von Verwaltungskosten, die sich in Summe für kleine Betriebe zu relevantem Aufwand addiert. Dieser Aufwand ist nicht unsichtbar. Er schlägt sich irgendwann in Preisen nieder oder in dem Entschluss, Kunden mit solchen Anforderungen bei begrenzten Umsätzen nicht mehr bedienen zu können. Eine bewusste Partnerschaft auf Augenhöhe würde bedeuten: Prozesse hinterfragen, bevor man sie auf andere abwälzt.
Als Netzwerk Gemeinwohl-Ökonomie Unternehmen Berlin Brandenburg e.V. (GWU.network) sind wir überzeugt, dass eine zukunftsfähige Wirtschaft genau auf solchen fairen, transparenten und besprechbaren Beziehungen beruht.
Das Fundament: Transparenz und Solidarität in der GWÖ-Matrix
Der Schlüssel zu einer solchen partnerschaftlichen Transformation liegt in der GWÖ-Matrix, dem Kernwerkzeug der Gemeinwohl-Ökonomie. Wenn Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen, betrachten sie ihr Handeln nicht isoliert, sondern analysieren ganz gezielt ihren Einfluss auf alle Berührungsgruppen. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt dabei auf der Lieferkette.
Bilanzierte Unternehmen beschäftigen sich intensiv mit den Werten Transparenz und Solidarität in Bezug auf ihre Zulieferer. Sie hinterfragen, unter welchen Bedingungen Vorprodukte entstehen, wie Gewinne verteilt werden und wie administrative Lasten partnerschaftlich geteilt werden können. Das Ziel ist es, diese Werte aktiv im unternehmerischen Alltag umzusetzen und strukturelle Abhängigkeiten abzubauen. Dass ein ehrliches Miteinander im Einkaufsalltag wirtschaftlich hervorragend funktioniert und sogar zu krisenfesten Lieferketten führt, zeigen die Pioniere in unserem Netzwerk jeden Tag.
Der Gold-Standard: Was wir beim GWU-Afterwork gelernt haben
Wie die praktische Umsetzung dieser Matrix-Werte im Einkaufsalltag konkret aussieht, durften wir bei unserem jüngsten Netzwerktreffen live erleben. Wir waren zu Gast bei unserem Mitglied, der MÄRKISCHES LANDBROT GmbH in Berlin-Neukölln. Neben einer spannenden Backstubenführung stand vor allem ein zukunftsweisendes Konzept im Mittelpunkt, das zeigt, wie echte Partnerschaft auf Augenhöhe funktioniert: solidarische Bieterrunden mit den eigenen Zulieferern.
Gemeinsame Existenzsicherung statt Preisdruck: Anstatt Preise diktieren zu lassen, kommen die Partner an einen Tisch. Die Erzeuger kommunizieren offen ihre realen Produktionskosten, die für eine nachhaltige Bewirtschaftung nötig sind.
Risiko- und Kostenteilung auf Augenhöhe: Durch das Prinzip der Bieterrunde wird sichergestellt, dass die Landwirte faire, existenzsichernde Preise für ihr Getreide erhalten. Das Risiko von Ernteausfällen oder steigenden Kosten wird so partnerschaftlich aufgefangen und fair verteilt.
Vertrauen statt anonymer Portale: Dieser Prozess erfordert absolute Transparenz und ein tiefes gegenseitiges Verständnis. Er beweist, dass eine Wirtschaft ohne Ausbeutung entlang der Lieferkette nicht nur möglich, sondern langfristig krisenfest und stabil ist. Das ist gelebtes Gemeinwohl, das auch für die gesamte Solawi-Bubble in Berlin und Brandenburg ein wegweisendes Signal setzt.
Das ehrliche, werteorientierte Miteinander von Märkisches Landbrot zeigt eindrucksvoll, dass wirtschaftlicher Erfolg und partnerschaftliche Fairness kein Widerspruch sein müssen.
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Quellen:
1 Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH): Lieferkettengesetz und KMU, Hinweise für Zulieferer, zdh.de
2 ifo Institut / IHK München und Oberbayern: Bürokratie in Deutschland kostet jährlich 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung, Pressemitteilung, November 2024, ifo.de
3 Deutscher Bundestag: Viertes Bürokratieentlastungsgesetz (BEG IV), verabschiedet 26.09.2024, in Kraft seit 01.01.2025, bundestag.de
4 Koalitionsvertrag CDU/CSU und SPD 2025, zusammengefasst bei Lexware: Bürokratieabbau im Koalitionsvertrag 2025, lexware.de
5 Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks, zitiert nach hero-software.de: Bürokratieentlastungsgesetz (BEG IV) kommt 2025, hero-software.de
6 KfW-Studie, zitiert nach Lexware (siehe Quelle 4)
(Dieser Beitrag entstand aus den realen Erfahrungen unserer Mitgliedsunternehmen im Umgang mit digitalen Onboarding-Prozessen großer Kunden sowie den zukunftsweisenden Lösungsansätzen innerhalb des GWU.netzworks.)