Ein Bericht aus dem GWU Workshop: Wie gemeinwohlorientierte Unternehmen KI verantwortungsvoll einsetzen können

„KI ist nicht nach­haltig. Können wir das als GWÖ-Unter­nehmen über­haupt mit unserem Gewissen vereinbaren?“

Diese Frage stand am Ende unseres jüngsten Extended Lunch­breaks im Raum. Sie beschreibt eine Span­nung, die viele gemein­wohl­ori­en­tierte Unter­nehmen aktuell beschäf­tigt: Künst­liche Intel­li­genz eröffnet neue Möglich­keiten, gleich­zeitig entstehen Fragen zu ökolo­gi­schen Auswir­kungen, sozialen Bedin­gungen und unter­neh­me­ri­scher Verantwortung.

Gemeinsam mit Ian Delù von KI Koala / Sinn­werk­statt haben wir deshalb betrachtet, was Künst­liche Intel­li­genz aus einer Gemein­wohl-Perspek­tive bedeutet. Ausgangs­punkt war die GWÖ-Matrix: Welche Auswir­kungen hat KI entlang unserer Werte? Und welche Fragen sollten Unter­nehmen stellen, bevor sie neue Werk­zeuge einsetzen? Im Austausch zeigte sich: KI ist längst nicht mehr nur ein Thema für IT-Abtei­lungen. Sie wird Teil unserer digi­talen Infra­struktur und damit auch eine Frage von Liefer­ketten, Verant­wor­tung und Unternehmenswerten.

KI zwischen Neugier und Unsicherheit

Zu Beginn des Work­shops haben wir die Teil­neh­menden gefragt, wie sie auf das Thema Künst­liche Intel­li­genz blicken. Das Stim­mungs­bild zeigte eine Span­nung, die derzeit viele Unter­nehmen erleben: Auf der einen Seite steht die Neugier auf neue Möglich­keiten, auf der anderen Seite der Wunsch nach Orien­tie­rung und einem verant­wor­tungs­vollen Umgang mit der Technologie.

Beson­ders deut­lich wurden Fragen rund um Daten­sou­ve­rä­nität, Trans­pa­renz und die Entwick­lung eigener Leit­li­nien für den Einsatz von KI im Unter­nehmen. Damit greifen die Erfah­rungen aus dem Work­shop Themen auf, die auch in aktu­ellen Unter­neh­mens­be­fra­gungen sichtbar werden. So zeigt etwa eine aktu­elle Erhe­bung von Bitkom (März 2026), dass viele Unter­nehmen KI als wich­tige Zukunfts­tech­no­logie sehen, gleich­zeitig aber bei der prak­ti­schen Umset­zung noch Heraus­for­de­rungen bestehen.

Der Austausch im Work­shop hat dabei eine zusätz­liche Perspek­tive einge­bracht: Aus Sicht der Gemein­wohl-Ökonomie reicht es nicht aus, nur nach Effi­zi­enz­ge­winnen oder recht­li­chen Anfor­de­rungen zu fragen. Ebenso wichtig ist der Blick darauf, unter welchen Bedin­gungen diese Tech­no­lo­gien entstehen und welche Auswir­kungen sie entlang ihrer gesamten Wert­schöp­fungs­kette haben.

Wie trans­pa­rent sind die Liefer­ketten hinter den großen KI-Modellen? Welche Ressourcen werden für ihre Entwick­lung und Nutzung benö­tigt? Und wie können Unter­nehmen digi­tale Werk­zeuge so einsetzen, dass sie zu ihren eigenen Werten passen? Genau hier setzt das GWU.network an: als Raum für Austausch, Lernen und die gemein­same Entwick­lung von Ansätzen, die Unter­nehmen helfen, ihre digi­tale Entwick­lung bewusst und werte­ori­en­tiert zu gestalten.

Was hinter der Oberfläche von KI passiert

Wer Anwen­dungen wie ChatGPT oder Google Gemini nutzt, sieht zunächst nur eine einfache Ober­fläche. Dahinter stehen jedoch komplexe Infrastrukturen.

Ein Beispiel ist die Daten­ar­beit, die für das Trai­ning vieler KI-Systeme notwendig ist. Menschen welt­weit prüfen und sortieren große Mengen an Daten, teil­weise unter schwie­rigen Arbeits­be­din­gungen und für geringe Löhne. Diese Arbeit bleibt für die meisten Nutze­rinnen und Nutzer unsichtbar.

Auch die ökolo­gi­sche Seite der Tech­no­logie wirft Fragen auf. KI-Anwen­dungen benö­tigen erheb­liche Rechen­leis­tung und damit Energie und Ressourcen. Gleich­zeitig fehlen bei vielen großen Modellen weiterhin Trans­pa­renz und nach­voll­zieh­bare Infor­ma­tionen zu Trai­nings­daten, Ener­gie­ver­brauch und Verant­wort­lich­keiten. Diese Kritik ist berech­tigt. Sie beant­wortet aber noch nicht die Frage, wie Unter­nehmen mit KI umgehen sollten.

Potenziale: Wo KI sinnvoll eingesetzt werden kann

Ein voll­stän­diger Verzicht auf KI ist für viele Unter­nehmen keine realis­ti­sche Option. Entschei­dend ist deshalb: Wie können wir KI so einsetzen, dass sie unseren Werten entspricht?

Es gibt bereits Anwen­dungen mit gesell­schaft­li­chem Nutzen. KI kann beispiels­weise helfen, Wald­brände früher zu erkennen oder medi­zi­ni­sche Forschung zu unter­stützen. Gleich­zeitig entstehen Alter­na­tiven zu den großen Platt­form­an­bie­tern: Euro­päi­sche Modelle und lokale Open-Source-Anwen­dungen ermög­li­chen mehr Kontrolle über Daten und Infrastruktur.

Auch inner­halb des GWU.network gibt es Beispiele für einen bewuss­teren Umgang mit Tech­no­logie. Unser Mitglied Ecosia arbeitet daran, KI stärker mit den eigenen ökolo­gi­schen und gesell­schaft­li­chen Zielen zu verbinden. Solche Ansätze zeigen: Digi­tale Inno­va­tion und Gemein­wohl­ori­en­tie­rung müssen kein Gegen­satz sein.

Was bedeutet das für die GWÖ-Matrix?

Eine span­nende Frage aus dem Work­shop war, wie digi­tale Liefer­ketten künftig stärker in der GWÖ berück­sich­tigt werden können.

Die aktu­elle GWÖ-Matrix 5.1 bietet viele Anknüp­fungs­punkte, wurde aber ursprüng­lich vor allem mit Blick auf klas­si­sche Liefer­ketten entwi­ckelt. Themen wie Cloud-Infra­struk­turen, KI-Anbieter, Daten­flüsse oder recht­liche Rahmen­be­din­gungen digi­taler Dienste müssen Unter­nehmen heute häufig zusätz­lich betrachten.

Darin liegt auch eine Chance: Die GWÖ-Bewe­gung kann diese Fragen aktiv mitge­stalten und gemeinsam Krite­rien entwi­ckeln, die den Heraus­for­de­rungen digi­taler Wirt­schaft gerecht werden.

Mehr dazu:  GWÖ POLICY PAPER Nr. 2 | Mai 2026 KÜNSTLICHE INTELLIGENZ IM DIENST DES GEMEINWOHLS

Ein möglicher Weg zum bewussten KI-Einsatz

Im ersten Teil der Reihe zur digi­talen Souve­rä­nität wurde bereits über die +1‑Strategie gespro­chen – den bewussten, schritt­weisen Wechsel hin zu gemein­wohl­ori­en­tierten Platt­formen und Infra­struk­turen. Bei der Einfüh­rung und Nutzung von Künst­li­cher Intel­li­genz verhält es sich ganz ähnlich: Es geht nicht darum, von heute auf morgen die Augen vor der Tech­no­logie zu verschließen, sondern einen klaren, selbst­be­stimmten Kompass zu entwickeln.

Ian Delù stellte im Work­shop einen prak­ti­schen Ansatz vor, wie Unter­nehmen sich dem Thema syste­ma­tisch nähern können. Diese sechs zentralen Schritte dienen als konkretes Werk­zeug, um den Umgang mit KI in der Praxis zu steuern und im Einklang mit der GWÖ-Matrix zu gestalten:

  • Bestands­auf­nahme: Welche KI-Anwen­dungen werden im Unter­nehmen bereits genutzt – auch informell?
  • Eigene Grenzen klären: Welche Werte sind nicht verhan­delbar? Wo möchte das Unter­nehmen bewusst auf bestimmte Anwen­dungen verzichten?
  • Anwen­dungen prüfen: Passt der Einsatz zum Zweck? Sind Daten­schutz und Verhält­nis­mä­ßig­keit gewährleistet?
  • Gemeinsam Regeln entwi­ckeln: Mitar­bei­tende und rele­vante Gruppen früh­zeitig einbeziehen.
  • Kompe­tenzen aufbauen: Nicht nur tech­ni­sche Nutzung lernen, sondern auch Auswir­kungen verstehen.
  • Entwick­lung beob­achten: Den eigenen Umgang mit KI regel­mäßig über­prüfen und anpassen.

Hilf­reich können dabei Werk­zeuge wie Code­Carbon sein, mit denen sich der Ener­gie­ver­brauch bestimmter Anwen­dungen nach­voll­ziehen lässt.

KI bleibt eine Frage der Verantwortung

Am Ende blieb eine Frage beson­ders hängen: Wie wollen wir Tech­no­lo­gien gestalten, die zuneh­mend Teil unseres Wirt­schafts­le­bens werden?

Bei KI stellen sich ähnliche Fragen wie bei anderen wirt­schaft­li­chen Entschei­dungen: Wer profi­tiert davon? Unter welchen Bedin­gungen entsteht die Tech­no­logie? Welche Auswir­kungen hat sie auf Menschen und Umwelt?

Genau hier liegt eine Stärke der Gemein­wohl-Ökonomie: Sie fragt nicht nur danach, was tech­nisch möglich ist, sondern auch danach, was zu unseren Werten passt.

Wer diese Fragen gemeinsam weiter­denken möchte, findet im GWU.network Raum für Austausch, Erfah­rungen und prak­ti­sche Lösungen.

Weiterführend

Dieser Artikel ist Teil unserer GWU-Reihe zu Digi­ta­li­sie­rung und KI für gutes Wirtschaften:

Ein zentraler Treff­punkt für diese Fragen ist die Konfe­renz des guten Wirt­schaf­tens Berlin-Bran­den­burg am 7. September 2026 in Berlin. Dort geht es darum, wie digi­tale Unab­hän­gig­keit, Daten­si­cher­heit und digi­tale Selbst­be­stim­mung im Unter­neh­mens­alltag prak­tisch umge­setzt werden können.

 

Nützliche Tools aus dem Workshop